5. Ja, wir hatten  auch Zwangsarbeiter in Emden

Denkmal für die Emder Zwangsarbeiter
Denkmal beim ehemaligen Zwangsarbeiterlager Früchteburg, heute BBS I

Auf dem Weg zum großen Rund sind links und rechts die Gräber von Kriegsgefangenen und  Zwangsarbeitern aus ganz Ostfriesland zu finden, die in den Jahren 1955 und 1956 hierher umgebettet wurden. Näheres darüber ist weder vom Niedersächsischen Innenministerium noch vom Volksbund Deutsche Kreigsgräberfürsorge zu erfahren. Unter den Gräbern sind auch die von zwei Zwangsarbeiterinnen, die laut Totenkarten in Klein-Hollen gehenkt wurden. Es sind auch unbekannte Tote aus Burlage und Westrhauderfehn auf den Friedhof  Tholenswehr gekommen. Sie liegen dort nicht alle zusammen, sondern sind auf verschiedene Gräber verstreut.

Da es in Burlage 1955/56 noch keinen Friedhof gab, müssen die Toten irgendwo auf dem Gebiet der Gemeinde zu finden gewesen sein. Der Verdacht liegt nahe, dass es einen Zusammenhang mit dem KZ Esterwegen gibt. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges errichtete der sogenannte "Henker vom Emsland" im KZ Esterwegen seine Schreckensherrschaft, der viele Häftlinge zu Opfer fielen. Der "Henker vom Emsland" hatte die Uniform eines toten Hauptmanns angezogen, war mit einem kleinen Gefolge ins KZ Emsland eingedrungen und hatte  da die Befehlsgewalt  übernommen. Als einge Häftlinge flohen, ließ er sie verfolgen und von seinen Schergen an Ort und Stelle töten., einige davon in Burlage..
T.X.H. Pantcheff hat in seinem Buch  "Der Henker vom Emsland" (Schuster-Verlag Leer, 1995) die damaligen Ereignisse, die zur Verhaftung und Verurteilung des Täters führten, aus eigenem Erleben beschrieben.

Rechts nebenan sind die Gräber der sogenannten "Ausländerreihe" zu sehen. Dort sind diejenigen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter beerdigt, die in Emden gelebt und gearbeitet haben. Die vorhin erwähnten Umgebetteten aus ganz Ostfriesland bilden die "Ehrenreihe".

Das Kapitel "Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter" gehört zu den eher ungeliebten und unangenehmen Themen in Emden - wie überall. Wer die Jahre nach der Wiedervereinigung und der endgültigen Wiedererlangung der Souveränität verfolgt hat, kann sich auch an den großen Schrecken erinnern, der die deutsche Industrie befiel. Sollten doch auf einmal auch die Sklavenarbeiter, die nicht nur für die Kriegführung unerläßlich waren, sondern deren geronnene Arbeit zusammen mit den geraubten Gütern aus ganz Europa auch zu einem großen Teil zu dem gar nicht so verwunderlichen "Wirtschaftswunder" beitrugen, plötzlich entschädigt werden. Andernfalls drohten sie die Profiteure ihrer Erniedrigung mit milliardenschweren Klagen vor US-Gerichten zu überziehen. Eine ungeheuerliche Vorstellung für die Nachfolger und Erben aus der Nazi-Zeit. Und schon begannen sie ein würdeloses Feilschen um die Einrichtung einer Stiftung mit einem möglichst würdevollen Namen.

In Emden war es zuerst nicht möglich, Anfragen von früheren Zwangsarbeitern zu beantworten, da die Unterlagen verschollen waren und erst nach einiger Zeit in der Stadtverwaltung wieder auftauchten. Gut 50 Jahre hatte es dazu gebraucht.

Die Baracken, in die die Zwangsarbeiter eingesperrt waren, wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zuerst als Notunterkünfte genutzt und dann bald abgerissen. Das Gedächtnis an die Bilder der Kolonnen, die durch die Straßen getrieben wurden, schwand schnell.

Aber einiges ist doch bekannt. Die Unterkünfte mit der Zahl der Internierten hat Dietrich Janssen in einer Übersicht auf der Homepage des Bunkermuseums zusammengefasst, zu finden unter A-Z " Fremd- und Zwangsarbeiter, "Zwangs- und Ausländerlager in Emden". http://www.bunkermuseum.de/gefallene_frames_1.htm

Für die über 100 toten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in Emden entweder gestorben oder beerdigt sind, hat Michael Skoruppa eine Liste erstellt und immer wieder aktualisiert, zu finden entweder auf der oben angegebenen Homepage des Bunkermuseums unter "Fremdarbeiter" oder jetzt auch auf dieser Seite.

Vom 26.2.2012 bis zum 6.5.2012  fand eine  Ausstellung über Zwangsarbeit in Emden  in den Pelzerhäusern statt.  Die Ubbo-Emmius-Gesellschaft hat dazu Beiträge geleistet. Hier sind vier pdf-Dateien und drei Videos zu sehen, die Sterberegister-Auszüge der 1944 ermordeten Zwangsarbeiter sind dabei enthalten (Teil2.pdf). Zwangsarbeiter, die in Emden im Januar 1944 und im September 1944 hingerichtet wurden, haben wir auf Friedhöfen in Bremen und in Osnabrück gefunden. Die Seite Spurensuche Bremen Spurensuche Bremen verweist jetzt auch auf die Toten aus Emden, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Bremen beerdigt wurden

Friedhof
                Tholenswehr

Auf dem Friedhof  Tholenswehr wurde im Letzten Jahr ein von Bernhard Brahms gestifteter Stein aufgestellt, der an die 5 Ukrainer erinnert, die im Januar 1944 in der Ziegeleistraße wegen Lebensmitteldiebstahls erhenkt wurden . Der Verbleib ihrer Leichen ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Bernhard Brahms hatte dem Geschehen als Jugendlicher verängstigt zugescheut. Sein Bericht befindet sich auf dieser Seite. Hinten im Rund (mit hohem Gedenkstein in der Mitte) sind Wehrmachtssoldaten beerdigt, die am Ende des Zweiten Weltkrieges noch umgekommen sind. Auf der rechten Seite (gegenüber dem Denkmal für die eermordeten Ukrainer) ist ein Denkmal aus dem Kalten Krieg zu sehen.  Die Inschrift beklagt, dass die Wehrmachtssoldaten, die bei dem mörderischen Überfall auf die Gebiete im Osten umgekommen sind, noch kein würdiuges Gedenken gefunden haben: Ihr Toten/die ihr in östlicher Erde ruht/ denen kein Stein/gesetzt/kein Kranz gebrachtt/ keine Blume/ gepflanzt wird/ die wir nur/ suchen können/ mit unseren Gedanken/wir/vergessen/euch/nicht.

Die "Ausländerreihe"


Für die 5 am 26.1.1944 in der Ziegeleistraße gehenkten Ukrainer gibt es nun einen weiteren Nachweis. Rechts oben im gelben Bereich steht: Emden (für den Todesort), darunter "Tod durch Erhängen" (Exekution). Wahrscheinlich hat man die fünf einen Tag lang hängen lassen, zur Abschreckung, sozusagen. Sie sind nach  Bremen-Osterholz umgebettet worden.

Die letzte Sicherheit - es ist amtlich: die fünf "Ostarbeiter" sind im Sterberegister der Stadt Emden  zu finden. 

1954 hatte der kommunistische Stadtverordnete Wendt die Frage gestellt, ob sie vielleicht auf dem jüdischen Friedhof beerdigt seien. Er erhielt keine befriedigende Antwort.


Am 20.7.2005 wurde an den Berufsbildenden Schulen I, in der Nähe der früheren Früchteburg-Lager ein Denkmal (oben links auf der Seite) errichtet. Über die Zwangsarbeit in Emden müsste noch viel geforscht werden.

Das Stadtarchiv Emden arbeitet die Unterlagen auf, die es vor wenigen Jahre vom Einwohnermeldeamt bekommen hat. Das kostet bei deren Zustand viel Zeit und Geld. Auch an andere Einrichtungen wendet sich das Stadtarchiv, um noch Unterlagen über die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Emden zu bekommen. Dies war in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg versäumt worden.

Die Fraktionen im Emder Rat wollen Zwangsarbeiterkinder ehren, schrieb die EZ am 2.11.2007. Dies ist geschehen, am 28.11.2008.

 

Zwangsarbeiter und Kinder Übersicht hier

Die Kinder wurden zwischen einem Monat und 2 1/2 Jahren alt. Sie starben innerhalb von sechs Wochen am Ende des Jahres 1944. Das letzte Kind starb am 1.1.1945. Der damaligen Friedhofsleitung muss das bekannt gewesen sein.
Den Aussagen von Zeitzeugen, älteren Barenburgern, zufolge, befand sich im Lager Früchteburg ein Bordell.

Vielleicht war das eine oder andere Kind von einer Zwangsarbeiterin, die dort zur Prostitution gezwungen wurde.

 

 

unbekannter Soldat

Auf einigen Friedhöfen in der Krummhörn sind die Gräber von Kriegsgefangegnen und Zwangsarbeitern noch nicht nach Emden umgebettet worden. Auch  dieser unbekannte Soldat in Loquard ist geblieben, wo er angetrieben wurde.

wahrscheinlich ein Zwangsarbeiter

Wahrscheinlich das Grab eines Zwangsarbeiters, auch in Loquard, das lange Zeit von einer älteren Dame gepflegt worden sein soll.

<<<kind einer Zwangsarbeiterin?

Auf dem Friedhof in Freepsum, wahrscheinlich das tote Kind einer Zwangsarbeiterin, gerade einmal einen Tag alt.


 

 

Die Angehörign der Herrenrasse wurden in der Ostfriesischen Tageszeitung vom 21.12.1941 eindringlich ermahnt, sich den Zwangsarbeitern auf keinen Fall zu nähern.

"Polen gehören nicht in in die Hausgemeinschaft! Jeder Anmaßung fremdblütiger Arbeiter ist entgegenzutreten."

Die Nationalsozialisten sorgten sich sehr um die Rassereinheit der deutschen Mädchen.

"Völlig ausgeschlossen ist, daß seine (des Bauern, ms) Gehilfinnen an einer Diele in nächster Nähe des Polen schlafen...

Es entspricht nicht der Würde eines deutschen Mädchens, daß es sich mit dem Polen in der gleichen Waschschüssel wäscht und mit ihm an einem Tisch sitzt und ißt. Wenn sich sonst das Miteinanderarbeiten auch nicht umgehen läßt, in die Hausgemeinschaft gehört der Pole nicht hinein."

 

 Das Schicksal des Roger Beyssac hat uns tief bewegt

Der fränzösische Elektriker Roger Beyssac (seine Mutter hieß Meunier) war während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter in Emden. Am 3.2.1944 starb er im Alter von 22 Jahren. Er war verunglückt, als er nach einem Luftangriff eine defekte Leitung reparierte. Seiner Mutter gelang es 1949, ihn von Emden nach Frankeich zu überführen. Sie bedankte sich bei der Stadt Emden mit dem abgebildeten Erinnerungsstein. Im Bunkermuseum sind ein umfangreicher Schriftwechsel und Pressestimmen vorhanden, die bis ins Jahr 1951 reichen.

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Gedächtnisverlust

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"Der Franzose Roger Meunier aus Paris, der von den Nationalsozialisten während des Krieges nach Deutschland verschleppt wurde, verstarb hier im Jahre 1944 an den Folgen eines Arbeitsunfalles und wurde auf dem Bolardus-Friedhof beigesetzt."

Schreiben des Oberstadtdirektors vom 30.9.1949

"Mit Genugtuung nehmen wir zur Kenntnis, daß es Ihnen möglich sein wird, Ihren Sohn, den die Willkür der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nach Deutschland verschlug und der hier an den Folgen eines tragischen Unfalls verstarb, in seine Heimat nach Paris zu überführen."

Gleiches Schreiben, festgelegter Redetext für die Feier zur Überführung

"Auch Du, Roger Meunier, gehörtest zu den Zivilpersonen, welche durch den unseligen Krieg ihr Leben lassen mußten."

"Vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als letzten Gruß"

"Ein junger französischer Zwangsarbeiter fand im Februar 1944 in Emden bei der Reparatur einer durch Bomben beschädigten Lichtleitung den Tod."

Nordwestdeutsche Rundschau vom 6.10.1949

"Am 3. Februar 1944 verunglückte der junge französische Elektriker Roger Beyssac tödlich und wurde auf dem Bolardusfriedhof beigesetzt."

Ostfriesen Zeitung vom 6.10.1949

"Madame Meunier, deren Sohn, wie erinnerlich, in Emden während des Krieges bei einem Luftangriff getötet wurde..."

Rhein-Ems-Zeitung vom 19.2.1951

"Die Überführung des bei einem Luftangriff getöteten Franzosen war im vergangenen Jahr unter großer Anteilnahme der Emder vor sich gegangen."

Ostfriesen Zeitung vom 26.2.1951

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WIR sind hier die Opfer

Luftkrieg

Emder Widerstand

Zwischenstand

Unsere tiefe Ergriffenheit hat nicht verhindern können, dass wir nach 1 1/2 Jahren seine Todesursache vergessen haben.